Dörtes Projekt: Europa erleben auf dem Jakobsweg – Zu Fuß von Portugal nach Spanien

Einer meiner größten Gänsehautmomente auf dem Portugiesischen Jakobsweg war es, über die sog. „Internationale Brücke“ von Portugal nach Spanien zu laufen! Das heißt, die Uhr wurde umgestellt und aus „obrigada“ wurde plötzlich „gracias“ und aus „bom dia“ „hola“.  Auf der Mitte des Flusses war ich in beiden Ländern gleichzeitig. Und danach ging es einfach fröhlich weiter, ohne jegliche Passkontrolle – das liebe ich an Europa! 

Ich habe den Portugiesischen Jakobsweg Ende Oktober 2017 in Porto begonnen und kam nach 12 Tagen und 240 km zu Fuß in Santiago de Compostela in Spanien an.

Jakobsweg

Ich habe Holländer, Italiener, Japaner, Australier, Mexikaner, Koreaner, Polen, Deutsche, Spanier und Portugiesen kennengelernt. Insgesamt waren um diese Zeit nicht viele Menschen unterwegs und man lief auch Strecken allein, das fand ich gut, denn dann war man nicht in einer Völkerwanderung unterwegs und musste auch keine Angst haben, in der nächsten Herberge keinen Platz zu bekommen.
Auf dem Weg habe ich immer wieder Einheimische getroffen, die mir strahlend einen guten Weg wünschten und Trauben etc. schenkten oder einen zum Tee einladen wollen. Und man sollte es es nicht glauben, auch in Portugal kennt man Travemünde!
Pilger Karl, 80 Jahre alt und ehemaliger Chorleiter, hat mich schließlich auch mit einer waschechten Jakobsmuschel und seiner Visitenkarte versorgt. Den angebotenen verzierten 2m langen Wanderstock habe ich dankend abgelehnt.  Das Tolle am Jakobsweg sind die Begegnungen mit den  Menschen, die langsam wechselnden Landschaften und die Reduktion auf das Wesentliche: Laufen, Essen, Schlafen.

Die Herbergen, in denen man mit Hilfe des Pilgerausweises übernachten darf, sind insgesamt sehr günstig; manchmal schlief ich in einer Burg, manchmal in einer Jugendherberge, in einem Kloster oder einem einfachen Haus. Und ja: einer schnarcht immer 😉

Das Wetter war Ende Oktober in Porto noch richtig sommerlich, während es in Deutschland Bindfäden regnete. Auf dem gesamten Caminho Portugues hat es nur an zwei Tagen richtig geregnet, aber ich als Wahlnorddeutsche war natürlich mit Regenzeug ausgerüstet. Der Weg folgte erst dem Atlantik, bog dann ins Landesinnere ab und führte an Gemüsefeldern, durch Wälder und an Flüssen vorbei bis nach Galizien, das mir auch sehr gut gefallen hat. Es war die letzten Tage morgens recht kalt und noch dunkel, auch hier hielt der (goldene) Herbst Einzug und am Weg naschte ich Äpfel und Trauben.

Jakobsweg 1

Anfang November konnte ich die Compostela, die mir nochmal ganz offiziell und kirchlich-lateinisch 240km Fußmarsch bescheinigte, in Santiago entgegennehmen.
In deutsch-italienischer Squadra bin ich in die Stadt eingelaufen, nachdem den Pilgern vorher noch ein elendiger kilometerlanger Anstieg in den Ort auferlegt wurde. Meine neuen süditalienischen Bekannten hatten wie ich kurz vorher noch ein Mittagspäuschen eingelegt (mangiare!) weswegen 2 Österreicher, 1 Portugiese, 2 Polen und 2 Brasilianer vor uns ankamen, aber man traf sich schließlich auf dem zentralen Platz mit großem Hallo wieder und wir haben uns alle gefreut! Natürlich wussten die Italiener auch schon eine gute Adresse für‘s Abendessen (denn diesmal wollten sie nicht wieder die ganze Pilgersippe in der Herbergsküche mit Pasta beglücken) und so gab es tatsächlich das beste Pilgermenü des gesamten Weges in Santiago für unglaubliche 10 Euro inclusive halben Liter Wein, womit die Anschaffung der kostspieligen Pilgerurkunde samt Schutzrolle wieder ausgeglichen wurde.
Am nächsten Tag fand die auf Spanisch abgehaltene Pilgermesse statt, bei der wir in den Genuss des pendelnden Botafeiros (ein riesiges Weihrauch-Gefäß) kamen, was sehr beeindruckend war.

Jakobsweg 3

Ursprünglich zur Verbesserung der durch Pilgerausdünstungen verunreinigten Kirchenluft gedacht, gibt es das Spektakel jetzt nur noch, wenn sich ein oder mehrere zahlungskräftige Kirchbesucher finden. Für läppische 400 Euro ist man dabei.
Nach einer Nacht in Santiago und in Porto ging es geistig und körperlich erfrischt nach Deutschland zurück. Die Erfahrung war wirklich toll und ich würde den Weg jederzeit wieder laufen! Aber ich bin natürlich jetzt auch auf den Geschmack gekommen und lote schon aus, welche Wege es noch so gibt, durch Deutschland, Frankreich und Spanien. Ein Universum hat sich aufgetan!

Fotos und Bericht: Dörte Lautenschläger

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