Ist die Party vorbei ?

Ich bin 1961 geboren, mitten hinein in die Aufbaujahre der Bundesrepublik. In den ersten Jahren machte meine Familie gar keinen Urlaub, dann sogar Touren ins nahe Ausland.  Jede Menge öffentliche Infrastruktur entstand damals: Krankenhäuser, Schulen und Autobahnen.Das sind dieselben Gebäude und Straßen, die heute vor sich hinbröckeln.

Meine Generation wuchs in eine Welt hinein, die uns versprach, wenn Du Dich anstrengst, kannst Du aufsteigen. Es wird immer besser. Damit war vor allem der wirtschaftliche Wohlstand und Fortschritt gemeint. Die Frauen erkämpften sich neue Rechte und ich profitierte davon, machte Abitur und konnte studieren, damals noch frei und unverschult. Der Fliesenleger oder Gärtnermeister baute sich und seiner Familie ein Siedlungshaus und oft reichte ein Gehalt , um die ganze Familie zu ernähren.

Ganz wenige nur konnten es sich leisten,in den Urlaub zu fliegen oder gar eine Kreuzfahrt zu machen. Samstags wurden die Geschäfte um 13 Uhr geschlossen und machten erst Montagfrüh wieder auf.

Heute fliegt die Putzfrau für 20 Euro nach Mallorca und nicht nur der Chef, sondern auch seine Sekretärin sitzt am Pool auf der Aida. Die Schulen, die damals gebaut wurden sehen marode aus, es gibt wesentlich mehr Autos in den Straßen, nur, dass sie mehr stehen als fahren und einen Parkplatz in der Großstadt zu finden, ist Nervensache. Die Supermärkte sind bis 22 Uhr geöffnet und am Sonntag und“Black Friday“ soll ich auch noch die Dinge kaufen, die ich ohnehin schon habe und nicht brauche.Dafür werden so viel Antidepressiva verschrieben wie noch nie.

Irgendetwas stimmt nicht , oder ?

Es kommt mir ein bisschen vor wie bei einer Party. Am Anfang sind die Erwartungen und die Vorfreude groß. Man plant und kauft ein. Die Gäste sind animiert und in erwartungsvoller Laune. Nach dem Essen und den ersten Gläsern ist die Stimmung gut, nun wird getanzt und  man fühlt sich auf dem Höhepunkt. Irgendwann später, wenn das ein oder andere Glas zu viel getrunken wurde und man beim besten Willen nichts mehr essen kann, kippt die Stimmung langsam. Die ersten gehen, einige dösen in schummrigen Sofaecken. Nun wird es Zeit, die Party zu beenden.

Am nächsten Tag kommt das große Aufräumen und beim Abwasch in der Küche sprechen wir darüber ,wie es war. Alltag kehrt ein, ohne Wein und Gesang. Und heute gibt es Resteessen oder ein paar kleine Schnittchen, man ist ohnehin noch satt vom Festessen.

Kann es sein, dass unsere Wachstums-Wohlstandsparty nun wirklich vorbei ist und wir es nur noch nicht wahrhaben wollen ?

Hier ein paar untrügliche Anzeichen:

  • Gut die Hälfte des Bundeshaushalts muss für Sozialleistungen ausgegeben werden. Das wird in den nächsten Jahren drastisch steigen müssen, da wir einerseits eine große Zahl von unqualifizierten Zuwanderern haben und andererseits die Babyboomer in den kommenden Jahren in Rente gehen. Logische Konsequenz, wenn immer mehr Empfängern immer weniger Einzahlern gegenüberstehen: Kürzung der Sozialleistungen.
  • Die Reallöhne sind seit Ende der 70 er Jahre nicht gestiegen. Die Produktion hat sich aber gleichwohl rasant erhöht. Gebraucht wird diese Überproduktion von keinem. Der Plastikramsch in den Mittelgängen beim Aldi bleibt unbeachtet liegen. Der neue Lidl, der neben Aldi, Penny, Netto und Sky eröffnet , alle in einer Straße, zieht den anderen nur  die Kunden ab.
  • Der Ressourcenverbrauch an Land, Zeit und Geld und vor allem menschlicher Gesundheit, um Dinge zu konsumieren, die niemand wirklich braucht, war noch nie so hoch wie heute. Öffentliche und private Haushalte sind in einem nie dagewesenen Maß überschuldet ( siehe nicht gestiegene Reallöhne). Ikea und C+A werben damit, dass man auch alles auf Pump kaufen kann.
  • Die EZB druckt in schwindelerregender Menge Geld, flutet damit die Kapitalmärkte und erhält Firmen und Finanzsysteme, ja ganze Länder am Leben, die ansonsten längst pleite wären, während der Sparer gleichzeitig durch Nullzinspolitik seit Jahren enteignet wird.
  • Das mit dem „grünen, nachhaltigen Wachstum „hat auch nicht geklappt. Stichwort EEG Umlage. Was in die Taschen der einen hineingesteckt wird, muss aus den Taschen der anderen genommen werden usw.

Die Party ist vorbei

Eine historisch besondere Aufbau-und Wachstumsphase ,wie sie sich nach der Zerstörung des 2. Weltkriegs in Deutschland ergeben hat, ist nun zu Ende. Jetzt heißt es ausfegen und die Scherben aufkehren.

Und ist das schlimm ? Prof. Nico Paech, der sehr beachtenswerte Vorträge  zur Postwachstums-Ökonomie hält, plädiert dafür, dass wir alle wieder bescheidener und damit gesünder und umweltverträglicher leben sollten. Er verweist in einem Vortrag auf die oben erwähnten 60er Jahre. Dahin, sagt er , sollten wir in etwa zurück. Nicht vorstellbar?

Ich bin überzeugt, wir werden die Endlos-Party beenden (müssen) . Wie sagt Herr Paech, „entweder by design oder by desaster“. Und ich sage, der normale „Alltag“ kann auch ganz schön sein.

Foto: cco pixabay

 

 

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Ein Gedanke zu “Ist die Party vorbei ?

  1. 1968, also vor 50 Jahren, warnte der Club of Rome vor dem Kollaps der Erde und forderte Nachhaltigkeit. Als ich in den frühen Siebzigern studierte wurde in den Vorlesungen bereits die Gefahr des Waldsterbens und die Erschöpfung von Ressourcen gelehrt. Der Effekt dieser Warnungen war – vor dem Hintergrund des gewünschten Wirtschaftswachstums, das den Arbeitenden als Möglichkeit des Aufstiegs dargestellt wurde und deswegen ihre Unterstützung hatte – praktisch „Null“!

    Wer allerdings die Exponentialkurve* versteht, und ihre Übertragbarkeit auf die Menschheit begreift, der kann nur mit zunehmendem Schrecken auf das Treiben von Wirtschaft und Politik schauen, die so tun, als ob uns das Alles nicht anginge …. das Ende wird kurz und schmerzhaft sein.

    Manchmal, so denke ich mittlerweile, ist es gut schon älter zu sein.
    Möglicherweise bleibt es mir so erspart das Ende mitzuerleben.

    _______________________________
    * Artikel hierzu:
    https://www.re-actio.com/wordpress/?p=83145
    https://www.re-actio.com/wordpress/?p=75192
    https://www.re-actio.com/wordpress/?p=78172

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