Unsere Lebenszeit ist nicht flexibel

In den letzten Wochen hatte ich über eine Freundin einen etwas tieferen Einblick in die katastrophalen Arbeitsbedingungen im Einzelhandel. 

Alles fing damit an ,dass Anna ( Name natürlich geändert) einen kleinen 450 Euro Job suchte, um ihr ansonsten schmales Einkommen aufzubessern. Beim Bewerbungsgespräch machte sie deutlich, dass sie noch einem Haupterwerb nachgeht, also nicht jederzeit einsetzbar ist, sondern nur nach Vereinbarung. Das sollte bei insgesamt 45 Arbeitsstunden  , also 6 Arbeitseinsätzen im Monat wohl kein Problem sein, dachte sie. Zu ihrem großen Erstaunen las sie trotz anderslautenden mündlichen Absprachen im Arbeitsvertrag dann,

  1. dass der Arbeitgeber sie jederzeit ( Montag bis Sonntag) und ganz nach betrieblichen Erfordernissen einsetzen dürfe.
  2. dass Überstunden nicht bezahlt werden und abgebummelt werden können, wenn es die Personalausstattung erlaubt.
  3. dass deshalb ein Arbeitszeitkonto für sie geführt wird. Da können dann schon mal ein paar Tage mehr Arbeit pro Monat anfallen, je nachdem, wie es im Betrieb erforderlich ist.
  4. Gezahlt wurde 10,00 Euro, was man für großzügig hielt…(Mindestlohn aktuell 8,84 Euro)
  5. auf die Rentenversicherungsmöglichkeit, die auch jedem Minijobber vom Gesetz her zusteht, hatte der Arbeitgeber für Anna schon mal großzügig verzichtet. Er hatte das Kreuzchen bei NEIN gemacht, ohne sie zu fragen.

Anna rief also den Arbeitgeber an und machte deutlich, dass sie diesen Arbeitsvertrag nicht unterschreiben werde. Der Not gehorchend, im Laden fehlte dringend Verkaufspersonal , ließ man sich auf ihre Änderungen ein.

War nun alles gut ?

Nein, denn die 45 Stunden, die Anna zu arbeiten hatte, reichten zusammen mit den Stunden der anderen Verkäuferinnen natürlich nicht aus, um die Ladenöffnungszeiten von 10.00 Uhr bis 20.00 Uhr zu gewährleisten. Urlaub, ein Arzttermin oder irgendetwas Unvorhergesehenes brachte die wackelige Konstruktion dann auch keine zwei Wochen nach Arbeitsantritt ins Wanken. Filialleitung und Firmenleitung wissen das natürlich, stellen bewusst nicht genug Leute ein und bauen auf die Solidarität der Frauen untereinander. „Du kannst uns doch hier nicht alleine am Samstag hängen lassen.“Dann werden eben doch unbezahlte Überstunden gemacht und zur Not werden die schlecht bezahlten Frauen sogar aus dem Urlaub zurück beordert, was sie aus Angst um ihren Arbeitsplatz auch machen.

Ach ja, und die „großzügigen“ 10,00 Euro erwiesen sich auch als Mogelpackung, denn die 10 Minuten vor Dienstbeginn ( vom Filialleiter gefordert)  und die 20 Minuten nach Dienstschluss ( Kasse, aufräumen, gerne auch noch sauber machen) wurden ebenfalls nicht bezahlt. Wenn man also genau rechnet, hat Anna 48 Sunden für 450 Euro gearbeitet und das ergibt dann einen Stundenlohn von 9,38 Euro.

Erwartet wurde dafür

  • Arbeit am Computer / Bürotätigkeit ( ohne Einarbeitung in die Firmensoftware)
  • Verkaufsberatung ( ohne nennenswerte Einarbeitung oder Warenkunde)
  • Pack-und Lagerarbeiten
  • Putz-und Reinigungsdienst

von Montag bis Sonntag von 9.50 Uhr – 20.20 Uhr möglichst auf Abruf

Das Zauberwort heißt nämlich

flexibel.

Der Arbeitnehmer hat flexibel zu sein und seine Lebenszeit dem Unternehmer zur Verfügung zu stellen ,das Ganze für einen Hungerlohn.

Arbeitnehmer sind Menschen, die Familie haben, die ihre alten Eltern pflegen oder alleinerziehende Mütter sind, die Freunde haben oder Mitglieder in einem Verein sind und sie verkaufen nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern vor allem ihre Lebenszeit.

Und da ist das Problem. Unsere Lebenszeit ist nicht flexibel. Anna und wir alle haben nur diesen einen Tag. Den können wir in der Sandkiste mit unserem Kind verbringen oder für ein paar lumpige Euro einer profitgierigen Wirtschaft zur Verfügung stellen.

Dem Arbeitszeitkonto steht kein Lebenszeitkonto gegenüber, von dem ich mir die Zeit zurückholen kann, die ich auf diese Weise verloren habe.

Anna hat inzwischen gekündigt. Und in dem Shoppingcenter hängt nun auch an dieser Schaufensterscheibe wieder ein Zettel : „Suchen flexible Aushilfe auf Minijob-Basis“

Na, dann sucht mal schön !

Foto: cco pexels

 

 

 

 

 

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