Ich erschaffe mir meine Um-Welt

Ich befinde mich im Widerstreit mit der Welt,  in der ich lebe. Das war schon immer so. Die Frage ist nur: Bin ich falsch für diese Um-Welt , oder ist die Um-Welt ungeeignet für mich ?

Um-welt soll das beschreiben, was mich hauptsächlich umgibt, oder sollte ich besser sagen, womit ich mich umgebe?

Sobald ich auf die Straße hinaustrete ,beginnt der Dissens . In meiner Straße, ich lebe dörflich, meldet sich nur ganz ab und zu ein leichtes Unbehagen. So z.B. , wenn ich beobachte, wie die neuen Besitzer des Hauses an der Ecke jeden Quadratzentimeter Erde sorgfältig zubetoniert haben. Kleine Ritzen, die zwischen Pflastersteinen dazu führen würden, dass anarchisch irgendein Kraut oder ein Grashalm wächst, sind peinlich vermieden worden. Das Grün wurde in graue Betonkübel gesperrt. Ich bin gespannt, wie lange es das aushält. 

Zu meiner Beunruhigung sehen in meinem Dorf immer mehr ehemalige Gärten jetzt aus wie leblose Steinwüsten.

Ein paar Kilometer weiter, in der Kleinstadt Bad Schwartau, da wo meine Bibliothek steht und ich die Dinge des täglichen Bedarfs kaufen kann ,haben die Stadtverordneten im letzten Jahr viel Geld für eine Innenstadtsanierung der Fußgängerzone ausgegeben. Nun ist sie noch häßlicher und unwirtlicher als zuvor. Grau in grau die gesichtslose Betonarchitektur umrahmt von grauen Pflastersteinen, ein paar einsame Bäume, die verlassen stehen. Es wird immer menschenleerer in dieser urbanen Monotonie. Die Geschäfte schließen, ein paar Alte sitzen noch im Café . 

In Lübeck , an der Trave oder in Travemünde am Priwallstrand werden uniforme, zweckmäßige und sündhaft teure Eigentumswohnungen auf die wenigen verbliebenen Grün-und Freiflächen gesetzt. „Nachverdichtung“ nennen das die Stadtplaner. Aber wenn etwas verdichtet wird, ist der Raum für die ursprüngliche Nutzung verschwunden. So standen am Traveufer vormals die Hobbyangler, neben sich ihren Hund .

Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich beschreibt schon 1965 im Nachkriegsbauboom die „Die Unwirtlichkeit der Städte“  und zog dennoch in einen 19-stöckigen Hochhausblock. Während der Publizist Wolf Jobst Siedler kurz zuvor in die“Gemordete Stadt“ ebenfalls die Häßlichkeit moderner Stadtarchitektur beklagt. 

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Und was ist in den Jahrzehnten seither geschehen ? Mit der Begründung, man müsse günstig und vor allem viel Wohnraum schaffen, für alle, die in den Städten leben wollen, wird abgeholzt, werden Grünflächen versiegelt, Menschen in hohe Kisten gesperrt. Die Kleingärten, letzte grünen Oasen verschwinden. 

„Man kann auch einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einer Axt“. Der Ausspruch stammt von Heinrich Zille, der das Mietkasernenelend Ende des 19. Jahrhunderts,Anfang des 20.Jahrhunderts gezeichnet hat. 

Zu dieser Unwirtlichkeit der Städte kommt für mich aber auch die Beschleunigung unseres Alltags. Ich bin einfach zu langsam. Das da draußen ist nicht mein Tempo. Übrigens , der kleine blaue Mazda mit OH-Kennzeichen neulich auf der Autobahn, rechte Spur, der hupend von entnervten Brummifahrern überholt wurde, das war ich. Ich bin auch zu langsam für die Aldikassiererin , die so hastig meine Beute über das Piepsband zieht, dass ich mit dem Einräumen ins Körbchen nicht hinterherkomme. 

Wo wir gerade vom Piepsband reden: Wie hält die arme Frau das aus?  Acht Stunden ? 

Ihr ahnt es wahrscheinlich schon. Ja, auch die Geräusche der modernen Welt sind mir ein Graus. Nicht nur der Autolärm an einer Hauptverkehrsstraße. Man verschont uns ja auch nicht beim Essen im Restaurant oder beim Einkaufen im Supermarkt .Gedudel allüberall. 

Ich bin nicht kompatibel mit dieser Um-Welt. So ziehe ich mich immer mehr zurück auf unsere kleine grüne Scholle. In dem ungeordneten Dschungel unseres Gartens leben mit uns viele Vögel, Schmetterlinge, Käfer , der dicke Kater und anderes Getier Neben dem, was wir gepflanzt haben, hat sich einiges von selbst eingefunden und ich beobachte, was daraus wird.

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Ein Garten lehrt den Gärtner Geduld und das Tempo ist Menschen- und Tier-freundlich, so scheint es mir. Jedenfalls für einen Menschen, wie mich.

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Hier bin ich im Einklang mit meiner Welt und mehr und mehr abgeschieden von der Welt da draußen. Ich erschaffe mir meine Um-Welt. 

Wohl dem, der das kann. 

 

 

 

 

Foto: cco pexels und Bri vom Meer

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Ein Gedanke zu “Ich erschaffe mir meine Um-Welt

  1. …ein sehr wahrer Beitrag, der hoffentlich viele Leser berührt und nachdenklich stimmt. Auch wir haben unsere „Insel“…

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